Die Regale im Baumarkt scheinen endlos. Leichtsinnigerweise hatten wir uns vor einigen Tagen ein kleines Gartenhäuschen gekauft. Erst waren wir noch stolz auf unser Schnäppchen, aber von fehlenden Bauteilen mal abgesehen, hatte das Haus einen weiteren entscheidenden Nachteil: Leider war das Holz nicht imprägniert!
Da Gartenhäuser nun mal -nomen est omen- im Garten stehen sollen, musste ich „nur mal eben schnell in den Baumarkt, um ein Holzschutzmittel zu besorgen“. So zumindest lautete mein Auftrag, der sich als komplizierter erwies, als gedacht.
Denn, wie gesagt, Baumarkt-Regale sind lang, hoch und für einen nicht sonderlich talentierten Heimwerker äußerst unübersichtlich.
Da! Ein Verkäufer! Ich lief auf den Mann zu, und fragte ihn nach einem geeigneten Holzschutz.
„Hm“, meint er fachmännisch. „Wollen Sie imprägnieren oder reicht eine Schutzlasur?“ Das war eine Frage, mit der ich nicht gerechnet hatte.
„Wir brauchen einfach einen Wetterschutz für das Holz unseres Gartenhäuschens“, versuchte ich zu erklären.
„Dann hole ich mal lieber meinen Kollegen!“ Offensichtlich war er doch nicht der fachkundige Experte, für den ich ihn zunächst hielt, denn er fügte -grammatikalisch fragwürdig- hinzu: „Ich bin nämlich Elektro!“
Egal in welcher Baumarkt-Kette, es ist scheinbar immer wieder besonders schwierig, genau den einen zuständigen Experten zu erwischen, den man gerade benötigt. Elektro erläuterte, dass „der Herr Weinert so einen Oberlippenbart hat. Und ‘ne Brille trägt er auch.“ Na, bei der Beschreibung musste der Mann doch aufzutreiben sein! Ich fand den Gesuchten schließlich in der Teppich-Abteilung, wo er gerade mit einem Kollegen über irgendeinen Chef oder Abteilungsleiter lästerte.
Nachdem die Zwei das mangelhafte Sozialverhalten ihres Vorgesetzten ausgiebig diskutiert hatten, kümmerte sich Herr Weinert schließlich um mein Problem: „Was für Holz ist es denn?“
Was diese Baumarkt-Menschen alles wissen wollen! Bin ich denn ein Baum? „Tja, so helles... Ich weiß nicht genau. Vielleicht Buche, oder so...“
Sein Blick sprach Bände! Er hätte mir auch gleich das Wort „Volltrottel“ an den Kopf werfen können; denn seine Augen drückten genau diese missbilligende Verachtung aus, die Baumarkt-Verkäufer wohl immer dann verspüren, wenn sie einen Kunden vor sich haben, der handwerklich eher ein Laie ist.
Aber immerhin konnte ich praktisch denken: „Es ist das Gartenhaus, das sie letzte Woche im Angebot hatten!“ Aber er war ja nur Experte für das Holz, nicht für die Häuschen, zu denen es verarbeitet wird. „Da fragen Sie mal in der Gartenabteilung, was für Holz das war. Und dann kommen Sie noch mal zu mir.“ Zu viel der Güte, lieber Verkäufer! Er sah mich etwas mürrisch an und fügte hinzu: „Ich bin jetzt nur mal kurz zur Pause!“
In der Gartenabteilung geriet ich zunächst an eine (freundliche!) Verkäuferin, die allerdings leider nur für Pflanzen zuständig war. Der Mann, der mir was über Gartenhäuser erzählen konnte, war gerade zur Pause. Vermutlich saß er da jetzt mit Herrn Weinert zusammen...
Ich beschloss noch ein wenig zu stöbern, denn ich wollte mir ohnehin noch einen Akku-Bohrschrauber zulegen. Die Auswahl war verwirrend groß. Es gab Markengeräte und No-Name-Schrauber, kleine und große... Außerdem bewegten sich die Preise in einer Bandbreite von 29 bis 119 €. Zufällig lief gerade Elektro (Oh, gar nicht zur Pause?) vorbei, und ich bat ihn um sein fachmännisches Urteil über zwei verschiedene Bohr-Schrauber der Fünfzig-Euro-Klasse.
„Das hier ist von ‚Dreck und Mecker‘, das andere ist von ‚Zosch‘“, erläuterte er. Darauf wäre ich alleine nie gekommen. Aber schließlich empfahl er mir das ‚Zosch‘-Gerät: „Weil, das hat den ATB!“ Obwohl er mir nicht präzise sagen konnte, wofür der oder das ATB nun genau wichtig sei („Damit flutscht’s einfach, Sie verstehen!“), beschloss ich, ihm zu glauben und packte das Teil in meinen Einkaufswagen.
Herr Weinert war inzwischen wieder von der Pause zurück und erkundigte sich, ob ich denn in der Gartenabteilung etwas erreicht hätte? „Der Herr war auch gerade zur Pause“, erklärte ich ihm. Weinerts Gesicht hellte sich auf. „Mensch, stimmt! Wir haben ja zusammen gefrühstückt, da hätt‘ ich ihn ja fragen können...“
Als ich den Gartenmann schließlich fand, war er keine große Hilfe. Schließlich war das Gartenhäuschen bereits seit der letzten Woche ausverkauft! Wie sollte er sich da noch erinnern, aus welchem Holz das Haus geschnitzt war?
Mit dieser ernüchternden Erkenntnis suchte ich Herrn Weinert, der sich diesmal bei den Werkzeugen versteckt hielt. Ich erzählte ihm von der Problematik und er begann zu grübeln: „Das Häuschen haben sie nicht zufällig dabei, oder?“ Ich verneinte so höflich, wie es mir gerade eben noch möglich war.
„Dann gibt’s nur eins!“ Ein energisch-autoritärer Ruck durchzuckte seinen Körper. „Dann müssen Sie eben diese Universalversiegelung nehmen. Die ist farblos und kann bei allen Holzarten problemlos angewendet werden!“
Ich war sprachlos: „Warum haben Sie mir das nicht schon vor einer Stunde gesagt?“, wollte ich wissen.
„Na“, meinte Herr Weinert, „ich dachte Sie suchen was besonderes. Sonst hätten Sie mich doch nicht fragen müssen. Dass man dieses Mittel immer einsetzten kann, so was weiß man doch!“ Danke für diesen erneuten Tritt auf mein Ego, Herr Weinert! Bloß raus hier!
Die zwanzig Minuten Wartezeit an der Kasse vergingen wie im Flug. Endlich war ich dran! Die Kassiererin musterte erstaunt meinen neuen ‚Zosch‘-Schrauber. „Warum haben Sie denn nicht den von ‚Dreck und Mecker‘ genommen? Da schwört mein Karl-Heinz drauf... Der MS 500 ist genau so teuer wie der ‚Zosch‘ und hat außerdem schon die stufenlose XTB!“
P.S.: Übersetzt man „Do it yourself“ eigentlich wirklich mit „Mach’s Dir doch selbst“???
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Im Herbst auch wieder auf Papier:
Bei Zeit(t)räume Berlin erscheint das neue Buch (K)EIN KOMMENTAR