08.07.2008

Surfershorts in Klostermauern

Es ist direkt unheimlich! Sie sind einfach nicht wiederzuerkennen. Eben noch kannten wir sie als Sachbearbeiter bei der Bank, als Bäckereifachverkäufer oder auch als mehr oder weniger freundliche Polizisten.

Doch jetzt ist die Zeit der Mutation wieder gekommen! Pünktlich zum Beginn des Sommers verwandeln sich Deutschlands graue Mäuse in.... Touristen!

Was veranlasst eigentlich biedere Angestellte, im Urlaub auf einmal quietschbunte Klamotten zu tragen? Was sollen diese Abartigkeiten der Bekleidungsindustrie signalisieren? „Schaut her, ich bin ein dynamisch aktiver Freizeittyp, voller Tatendrang und Abenteuerlust?“ Möglich wär‘s ja, aber warum sitzen diese Abenteurer dann in klimatisierten Reisebussen?

Ob in idyllischen Dörfern, in wunderschöner Bergwelt oder gar in Klöstern. Kein Ort dieser Welt ist davor sicher, dass nicht pink, neongrüne oder bahamablaue Farbperversitäten den Anblick verschandeln.

Warum laufen Touristen herum, als ob der Rest der Welt blind wäre?

Und warum unterhalten sie sich in einer Lautstärke, als ob der Rest der Welt taub wäre?

Warum plappert die Frau, der Sie während der Nicht-Urlaubszeit nur mit viel Geduld und Mühe ein Guten Tag!“ entlocken, im Urlaub auf einmal schrill in der Lautstärke eines Presslufthammers drauf los?

Die Mutation ist einfach erschreckend und setzt nach meiner Beobachtung bereits am Flughafen ein. Da wird allerdings noch nicht der Abenteurer gegeben, sondern noch ganz Mann, bzw. Frau von Welt gespielt: „Wir fliegen jedes Jahr drei Mal in den Urlaub!“ Seltsamerweise sind das häufig genau die selben Leute, die dann im Flugzeug ihren Platz nicht finden: „Schatzi, wo sitzen wir denn? Waaas? So weit hinten?“

Die Sicherheitshinweise werden nur von den Dreijährigen verfolgt, alle anderen klammern sich betont cool an ihrer Zeitschrift fest!

Und noch etwas Merkwürdiges passiert im „Flieger“ (so nennen die Weitgereisten fachmännisch das Flugzeug.). Nirgendwo anders, nur an Bord einer Chartermaschine habe ich bisher erlebt, dass literweise Tomatensaft gebechert wird. In keinem Café oder Restaurant dieser Welt wird Tomatensaft bestellt, aber in der Luft! Warum bloß, oh rätselhafte Mutation?

Im Urlaubsort angekommen, gibt es dann kein Halten mehr! Männer mit Gewichts- oder Hautproblemen (oder beidem) rennen gleich mit nacktem Oberkörper in die nächste Bar. Oder, auch immer wieder chic, bewegen sie sich ganz cool im semi-weißen Feinripp durch die örtliche Amüsiermeile.

Die Frauen nutzen die Zeit hingegen zum Shopping von Produkten, bei denen man sich nach dem Urlaub fragt, wie man für so etwas bloß Geld ausgeben konnte! (Obwohl, als Mitbringsel für Oma reicht es allemal. Die sieht ja nicht mehr so gut...)

Doch Gedanken dieser Art zählen zunächst einmal wenig in den sogenannten „schönsten Wochen des Jahres“. Die heimische Bankfiliale ist weit weg, der hemmungslos überzogene Dispo ist in der hintersten Gehirnecke abgelegt!

Denn schließlich ist Party-Time angesagt. Man ist im Urlaub, da gehört der exzessive Konsum unbrauchbarer Souvenirs nun einmal dazu! Sagt wer? Sagen die Urlauber, denn die wollen bei ihren flüchtigen Urlaubsbekanntschaften (die sie später gottlob nie wieder sehen müssen) in diesen vierzehn Tagen ordentlich Eindruck schinden!

Und so wird in den zwei Urlaubswochen die geplagte einheimische Bevölkerung gnadenlos von der Abenteuerlust der Eroberer gepeinigt.

Glück haben nur die Urlaubsorte, in denen hauptsächlich All-Inclusive-Touristen verkehren. Die bleiben in ihrem Touristen-Ghetto und stören das Alltagsleben nicht weiter.

Auf dem Flughafen von Montego Bay hörte ich mal einen Touristen sagen: „Tja, schön war’s. Aber nach vierzehn Tagen hat man alles gesehen!“ Ich war zutiefst erstaunt. In zwei Wochen hatte dieser Typ Jamaica komplett erkundet? Unmöglich! Da fuhr er auch schon fort: „Nach zwei Wochen kennt man die Anlage in- und auswendig!“ Ach so...

Im griechischen Bergdorf dagegen wird rücksichtslos durch jedes offene Fenster geglotzt: „Hermann! Guck mal, wie niedlich! Die essen gerade!“

In dem Gefühl der absoluten Überlegenheit werden die örtlichen Lebensumstände kommentiert: „Ein Plumpsklo! Wie die hier noch leben! Das musst Du dir anschauen!“ Und gnadenlos wird der arme spanische Bauer verjagt, der gerade lernen musste, dass selbst das stille Örtchen nicht mehr still ist, wenn es erst von Touristen entdeckt wurde.

So verrinnen die Tage; trotzdem muss noch schnell ein Foto mit dem ahnungslosen Oberkellner gemacht werden, damit der Beweis erbracht ist, dass Herr und Frau Tourist Kontakt zur einheimischen Bevölkerung hatten. „Das ist der Luigi! Nein, so ein netter Mensch! Wir haben ja so viel zusammen unternommen.“

Obwohl wiederum zu viele Einheimische am Urlaubsort auch nicht den Erwartungen der Touristen entsprechen. Die häufigste Beschwerde nach Türkeireisen lautet allen Ernstes: „Das Hotel war nicht schlecht. Auch sonst war es eigentlich ganz nett. Aber... in unserem Urlaubsort waren viel zu viele Türken!“

(K)EIN KOMMENTAR!!!