Ob man nun wollte oder nicht, auch dem letzten Festtagsabstinenzler musste es einfach klar werden: Gestern war Nikolaus! In jedem, wirklich ausnahmslos jedem, Geschäft lauerten in rote Mäntel gehüllte studentische Hilfskräfte, um unschuldige kleine Kinder mit kariesfördernden Substanzen zu malträtieren.
Eigentlich ist der Nikolaus ja durchaus sympathisch, warum auch nicht. Er ignoriert zwar hartnäckig müffelnde Stiefel und füllt sie -mit Sicherheit entgegen allen nur denkbaren Hygienevorschriften- mit allerlei Leckereien. Aber nett ist der Nikolaus ja irgendwie schon... Doch in einer Zeit, in der auch der banalste Anlass zum konsumträchtigen Mega-Event wird, muss nun mal auch der Nikolaus zur Umsatzsteigerung herhalten.
Der leider nur durchschnittlich originell denkende Supermarktleiter kann sich angesichts des sechsten Dezembers vor kreativem Organisationstalent kaum noch halten: „Mensch, bald ist ja wieder Nikolaus. Da machen wir unseren Kunden mal eine Freude, und schenken den Kindern Süßigkeiten. Das wird der Hammer!“
Das Problem ist bloß, dass außer dem Supermarktmenschen auch der Drogeriefilialleiter, der Bäcker, der Schlachter, der Optiker und überhaupt alle anderen Geschäftsinhaber exakt die gleiche originelle Idee haben.
Die Folge ist unübersehbar: Schon am frühen Vormittag ist die gesamte Innenstadt sowie jedes am Stadtrand gelegene Einkaufszentrum von Nikoläusen überflutet. Alle kämpfen sie um die Gunst der lieben Kleinen, alle verschenken Süßigkeiten en masse.
Man kann Ihnen einfach nicht nicht entrinnen, zwischen Computerabteilung, Haushaltswaren und Käsetheke haben die Nikoläuse jede nur denkbare Fluchtrichtung abgesichert.
Während die meisten Kinder begeistert zugreifen, und damit entnervte Eltern ignorieren, die in Gedanken schon mal den nächsten Zahnarztbesuch planen, entwickeln manche der Kleinen bereits einen feinen Sinn für Qualität: „Der Nikolaus da drüben hat viel bessere Schokolade, und am Ende der Straße gibt es leckere Bonbons...“
Dramatische Szenen spielten sich dagegen kurz vor Ladenschluss ab. Eine sichtlich erschöpfte Vierjährige versteckt sich hinter ihrem Vater. Er versucht sie aufzumuntern: „Melanie, nun schau doch mal. Schau mal, wer da kommt...“
Doch Melanie mochte einfach nicht mehr. Mit hysterisch kreischender Stimme schrie sie nur noch: „Nein Papi, bitte nicht schon wieder. Nicht schon wieder ein Nikolaus!!!“
(C) 12/2008