23.12.2008

Super-Weihnachts-Markt

Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit, der Ruhe und des Friedens! Familien erfreuen sich in schönster Harmonie am Lichterglanz, glückliche Hunde tollen in Zeitlupe durch tief verschneite Idyllen. Ja, das ist Weihnachten - zumindest in der Fernsehwerbung...

Die Realität könnte gegensätzlicher nicht sein: Dauerstau in der Innenstadt, völlig erschöpfte und gestresste Verkäufer und dazu Familien, die es sich nicht nehmen lassen, den Dispo-Kredit am langen Samstag mit vereinten Kräften komplett zu verpulvern.

Insbesondere die geplagten Mütter sehen in diesen Tagen so aus, als ob sie dringend eine längerfristig angelegte Schönheitskur benötigten. An ihnen bleibt schließlich der meiste Stress hängen, da Vati ja immerhin den bevorstehenden Jahresabschluss und die zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen (z.B. die wichtige Glühwein-Party bei der Meyer KG) als mildernde Umstände geltend machen kann.
„Weihnachten ist schließlich etwas ganz Besonderes! Da soll es doch schön werden.“ So etwa lautet die Standard-Antwort, wenn man nachfragt, warum sich erwachsene Menschen diesen alljährlichen Wahnsinn antun.

Drei Tage voller quälender Harmonie („Nun sei doch mal nett und sprich mit Oma!“) sind es also offenbar wert, sich dafür die sechs bis acht Wochen vor dem Fest sowohl psychisch als auch physisch so zu verausgaben, dass man frühestens im nächsten Spätherbst einigermaßen regeneriert ist. Aber dann geht das Ganze ja schon wieder von vorne los!

Ich würde in diesen Wochen vor dem „frohen Fest“ an liebsten gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Die Aggression, die insbesondere in den letzten Tagen unmittelbar vor dem „Fest der Liebe“ die Straßen, Postschalter, Fußgängerzonen und Geschäfte erobert, ist schlimmer als alles, was die gesammelten James-Bond-Bösewichte seit „Dr. No“ angezettelt haben!

Wenn Sie masochistisch veranlagt sind, bietet insbesondere der Supermarkt schier unerschöpfliche Gelegenheiten, psychologisch hoch interessante Milieustudien zu betreiben...

Ich war beispielsweise gestern gerade mal wieder im Supermarkt. Nein! Nicht aus Masochismus! Ich musste tatsächlich einige Lebensmittel einkaufen.

Die Parkplatzsuche war an sich schon Grund genug, sofort wieder umzudrehen, aber in der vorweihnachtlichen Einkaufsorgie wären alle anderen Supermärkte auch nicht stressfreier. Und dann erst die Suche nach einem freien Einkaufswagen! Schließlich gelang es mir einen Rentner auszutricksen, und einen Einkaufswagen zu ergattern.

Unglück im Glück: Ich hatte keinen Euro dabei, um die aufgetakelte Vornutzerin des Einkaufswagens auszuzahlen. Es war zwar ärgerlich, aber mir blieb keine andere Wahl: Ich gab ihr ein Zwei-Eurostück, allerdings nicht ohne den gehässigen Hinweis, dass sie sich davon in diesen kalten Tagen auch mal etwas Warmes gönnen könnte.

Im Supermarkt selbst war es schlimmer, als ich es je für möglich gehalten hätte! Gibt es eigentlich irgendein Gesetz, dass es zwingend notwendig macht, Hunde, Kleinkinder und Säuglinge beim Einkaufen unbedingt dabei zu haben?

Ich wollte nur schnell durch den Konserven-Gang zum Joghurtregal - da passierte es!
Eine gehetzte Hausfrau mit zwei jammernden Kindern im Schlepptau schepperte mit ihrem Einkaufswagen gegen meinen. Da die arme Frau zu diesem Zeitpunkt bereits grotesk erschöpft aussah, war ich ausnahmsweise einmal nett: „Oh hoppla! Das war ja ein Volltreffer“, sagte ich zu ihr und lachte ihr freundlich zu.

Da schließlich nichts weiter passiert war (nicht mal ihr Milchschlauch war ausgelaufen), setzte ich mit einem fröhlichen Winken meinen Weg fort.

„Können Sie nicht aufpassen? Ich hatte Vorfahrt“, keifte mich das Wesen an.
„Vorfahrt?“ Ich war verwirrt.
„Das ist doch wohl vollkommen klar! Hier gilt schließlich ‚rechts vor links‘!“

Ich gebe zu, das hatte ich nicht gewusst. Genau genommen habe ich mir bislang überhaupt keine Gedanken über Verkehrsregeln im Supermarkt gemacht. Das war offensichtlich ein Fehler.
Der Marktleiter-Assistent war leider auch keine große Hilfe. „Seit wann gilt denn hier die Straßenverkehrsordnung?“, fragte ich ihn. „Äh, ich weiß nicht so recht. Da müsste ich mal in der Zentrale nachfragen“, meinte er ratlos.

Als ich meine Versicherungskarte zog, wiegelte er ab: „Nein! Bitte keine Polizei hier! Es ist doch gar nichts passiert!“ Da war er bei meiner Unfallgegnerin an der richtigen Adresse: „Dieser Wilde rammt meinen Einkaufswagen, und Sie behaupten, es sei nichts passiert? Meine Kinder sind jetzt völlig verstört!“

Wenn man mich als ‚Wilden‘ bezeichnet, versuche ich natürlich gerne, dem gerecht zu werden: „Entschuldigung, aber so wie Sie sich hier aufführen, sind Ihre Kinder bestimmt seit ihrer Geburt völlig verstört!“

Weiter eskalierend wirkte die Äußerung eines älteren Herrn, der behauptete, dass ich eigentlich Vorfahrt gehabt hätte, da ich auf einem ‚Hauptgang‘ unterwegs war und die mittlerweile hysterisch kreischende Frau („Typisch Männer!“) aus einem ‚Nebengang‘ kam, und somit hätte warten müssen!
Unauffällig schlich ich mich aus der inzwischen recht tumultartigen Szenerie davon. Ich ließ meinen havarierten Einkaufswagen im Stich und verließ still und heimlich den Supermarkt. Ich beschloss zur Polizei zu gehen, bevor man mich wegen Fahrerflucht zur Fahndung ausschreibt.

Als ich dem Beamten den Vorfall schilderte, rief er sofort einen Arzt: „Hier ist mal wieder einer völlig durchgeknallt! Ja ja, ein typischer Weihnachtskoller!“ Als der herbeigeeilte Arzt mir die Spritze gab, war ich auf einmal gaaanz entspannt. Es war plötzlich so harmonisch auf der Polizeiwache.

Die Polizei, Dein Freund und Helfer! Zum erstenmal in meinem Leben wurden es wirklich friedliche und ruhige Weihnachtstage...

(C) 2008 mit freundlichen Grüßen an den REWE-Markt in Hmaburg-Duvenstedt - einem ewigen Quell der Inspiration:-)))